Noch me(e)hr Äschen!

Lübeck, 10.07.2010

Die Meeräsche ist Lieferant des Kaviar... - man staune, bisher war dafür der Stör bekannt. Ganz genau: Eine besondere Spezialität ist der Rogen der Meeräsche, aus dem auf Sardinen nach einer traditionellen Methode die Bottarga, der sogenannte „Kaviar des Mittelmeeres“, hergestellt wird. Nicht schlecht für einen Algenfresser. Ja, dieser hübsch gezeichnete Fisch, der rund und kräftig ist, ernährt sich fast ausschließlich von Pflanzen, nämlich den Algen. Minimale Stücke werden abgeraspelt und in den Muskelmagen verbracht, wo sie zerkleinert werden. Gelegentlich nimmt die Meeräsche ein wenig abweichende Nahrung auf: Hin und wieder eine Wasser-Larve oder tote Fliege, Fischstückchen oder andere kleinste Tiere, meist tot.

Anglerisch ist die Meeräsche eine echte "Zicke". Während sie in der kalten Jahreszeit in den Tiefen des Meeres mit geringster Bewegung verbleibt und kaum Nahrung zu sich nimmt, erscheint an sonnigen Tagen an der Küste und in Häfen, wo sie sich kontinuierlich vollfrisst. Aber eben nicht immer, sondern immer mal ein wenig. Man muss die Fresszeiten erkennen, dann erst besteht eine Chance. Denn herumziehende Meeräschen fressen nicht - da machen die Angler immer wieder den Fehler, dass sie derart uninteressierte Fische anwerfen und vergrämen. Hier heisst es: Wenn die Fische "flanken" (ihre seitliche Flanke zeigen, es also im Wasser aufblitzt), dann weiden sie die Steine, Hölzer und Algenfelder ab. Jetzt muss der Köder ins Wasser.

Der Biss der Meeräsche kommt überraschend, obwohl das Wasser oftmals keine 50 cm tief ist. Immer und immer wieder schwimmt sie vorbei, betrachtet den Köder (vielleicht sucht sie ihn auch ?), trödelt langsam herum, manchmal mit 10 oder 20 anderen Fischen. Häufig schnellt der Fisch urplötzlich nach vorne und ergreift den Köder - jetzt muss der Anschlag sitzen. So wie bei Andreas vom Team Lübecker Angler, der eine Top-Äschenstelle an einer freien Küstenlinie aufgetrieben hat. Dort waren über Hunderte von Metern einige Schwärme mit Dutzenden Fischen unterwegs.

Nach dem Anschlag beginnt der "Tanz". Größere Meeräschen beginnen eine Flucht wie eine Dampflokomotive: Sie fliehen stur vorwärts, meist Richtung freie See. Das geschieht aber nicht etwa schwerfällig, sondern mit einer Schnelligkeit, bei der die Meerforelle schwerlich mitkommt. Dabei entwickeln die Fische eine Kraft, die kaum zu bändigen ist. In jedem Fall ist die Rollenbremse extrem weich einzustellen. Sonst knallt's...

Die Rute sollte der Angler etwas weiter hinten führen als üblich. Meeräschen kommen beim Drill ganz selten Richtung Ufer zurück. Wenn sie aber einen neuerlichen Raketenstart hinlegen, dann ist es gut, wenn der Angler mit der Rute nachgeben kann. Denn 50 m und mehr an Schnur in einem Lauf zu nehmen gelingt dem Fisch immer wieder. Hier ist eine wilde Flucht seewärts von der Kamera aufgenommen worden. Schaut einmal den Schlagkreis des Fischschwanzes und sodann die Linie der Vollflucht - der Fisch hat in Sekundenbruchteilen seine Meter gemacht.
Im übrigen muss der Angler ein guter Spaziergänger sein. Meeräschen lassen sich ungerne an Land ziehen. Wenn sie langsam müde werden, dann versuchen sie vom Angler weg zu kommen. Dann schwimmen sie parallel zum Ufer, immer wieder nach draussen via offener See ausbrechend. Dieser Fisch hat zügig drei weit stehende Buhnenfelder überschwommen und kam erst im vierten Feld dm Land etwas näher.
Kurz vor den Krautfeldern am Küstenrand dann die nächste Erkenntnis. Nun flieht die Äsche häufig nicht mehr, jetzt beginnt sie auf der Stelle zu rütteln und zu schütteln, der Kopf schwingt hin und her, so löst man Haken... Nun muss eine weiche Rute den Fisch halten, die Bewegung auffangen - zu starres Gegenhalten kann leicht den Haken aus dem relativ weichen Maul ausschlitzen lassen. Das ist ohnehin eines der größten Probleme. Denn die Haken schlitzen immer und immer wieder aus, viele Fische sind nach wenigen Sekunden kräftigen Abziehens der Sehne weg, ausgeschlitzt oder sogar Schnurbruch. Deshalb: Immer mit einem Vorfach 0,30 mm Durchmesser oder sogar noch dicker angeln, wenn man etwas sicherer sein will. Denn nicht zuletzt muss der Fisch durch die Krautfelder hindurch.

Nach dem Schütteln und Rütteln kommt die nächste Nummer: Kaum hat der Angler das Gefühl, dass der Fisch müde wird und er ihn Richtung Land zieht, da knallt die Äsche wieder los. Mit der Startgeschwindigkeit eines Formel-I-Rennwagens rauscht sie wieder hinaus, sie hat Kräfte mobilisiert. Immer wieder hört man Angler, die nun den Sieg sicher glauben... Leider falsch, die sogenannte letzte Flucht kann die drittletzte oder vorletzte oder auch siebtletzte oder zehntletzte sein. Es ist unglaublich, wie oft die Meeräsche wieder lostobt. Sie ist einfach unberechenbar.
Ist sie erst einmal hinter die Krautfelder gezogen worden bzw. dazwischen, dann wird sie in der Regel ruhiger. Man kann den Eindruck bekommen, dass die Meeräsche durch das pflanzliche Futter nicht hindurchschwimmen will. Mancher Fisch flieht nur bis zum Krautfeld und bremst davor ab, um danach seitlich auszubrechen. Das verkürzt die Fluchtbewegungen zugunsten des Anglers. Einige Exemplare allerdings toben blind durch die Algen und Krautbänke hindurch, Regeln des Äschenlebens kenne ich dazu (noch) nicht.

Viele Angler gehen den Äschen mit Wathose und Kescher entgegen. Das halten wir für unnötig. Denn Wathosen-Angler vertreiben Meeräschen, Kescher provozieren weitere Fluchten. Richtig ist eine Grundregel: Die meisten Seefische wie z.B. Dorsch,manche Meerforelle, Plattfische - nur nicht der Aal - bewegen sich bei Grundberührung nicht mehr, das ist zu gefährlich für ihre Haut. Auch die Meeräsche hört bei Grundberührung meist auf noch weitere Fluchten anzustrengen. Auf der Seite liegend kann sie durch den Angler problemlos aufgenommen werden, siehe Foto.
72 cm lang und fast 10 Pfund schwer war diese "Zicke". Gefangen mit einer sehr einfachen Montage: Schwimmender Sbirolino mit nur 40 cm Vorfachlänge, einem 6er Karpfenhaken an 30er Vorfachschnur, Mefo-Rute Rute 3 m und eine qualitativ gute Stationärrolle, die keine Aussetzer bei einem fliehenden Fisch hat. Köder sind problematisch. Die oben hat auf Schwimmbrot gebissen, die etwas kleinere auf dem Foto unten auf sinkendes Brot. Andere bissen auf Maden, Knoblauchzehe, Heringsstücke, Algen, Fliegen u.a. Den richtigen Köder muss man suchen, ausprobieren und kann sicher sein, dass beim nächsten Mal wieder etwas anderes den Geschmack der Vegetarier trifft.

Die Ostsee-Meeräsche ist ein vielfach verkannter Leckerbissen; hier an der Küste allerdings weiß man ihn zu schätzen. Nicht so beliebt sind die Fische aus den Häfen, das Fleisch ist trübe und geschmacklich häufig durch das Hafenwasser und die darin gelösten Stoffe irritierend. Ganz anders die in Strömung oder an Stränden gefangenen Äschen. Die sind kräftig im Fleisch und einwandfrei im Geschmack. Einheimische Äschenangler verraten deshalb kaum ihre Strand-Fangplätze...

Ein paar kulinarische Hinweise:

- Koteletts von der Meeräsche schneiden und räuchern, kleinere Exemplare sogar als ganzes Stück.
- Gegrillte Meeräsche mit Kräutern, bitte langsam gar grillen.
- Gebackene Meeräsche im Weißwein-Sud mit Knoblauch und Kräutern.

Ich gestehe offen, dass mein Lieblings-Rezept die geschmorte Meeräsche mit Füllung aus Lauch, Schalotten, Äpfeln, Fenchel, u.a. ist, je nach Geschmack ein paar Kräuter dazu, eingelegt in Muscadet (ein würziger Wein) und während des Garvorgangs aus einem Sud von Gemüsebrühe gut begossen - ein Gaumenschmaus. Dazu gibt es den Rest des des Muscadet oder einen anderen geschmacksintensiven Weißwein.

Ein Tipp: Wer an eine gefüllte Geldbörse glaubt, wenn er als Glücksbringer bzw. Geldbringer eine Fisch-Schuppe dort versenkt, der sollte die Schuppe einer großen Meeräsche benutzen - dann muss es besonders viel Geld geben; denn die Schuppen scheinen mir besonders groß und richtig stark, geradezu hornartig.



Fotos und Text: Andreas Hardt, www.lübecker-angler.de

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